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LEBENSANSCHAUUNG
Auf der Suche nach dem Ich kann man das reine Nichts finden
ALB-NECKAR-ZEITUNG
Freitag, 6. Februar 1998

Zen-Meister Henry Marc verbeugt sich
- vor allen Menschen, vor Buddha und vor sich selbst.
Foto: Evelyn Rupprecht
RIEDERICH/JAPAN Ich habe es mir lange überlegt, ob ich es tun soll. Da war diese böse Vorahnung, dieses Grummeln tief im Bauch. Wenn Du zu Henry Marc gehst, wenn Du eine Sitzung mitmachst, wenn Du mit diesen anderen Menschen eine andere Welt betreten willst - dann wirst Du ruhig sein müssen. Du wirst nicht sprechen dürfen. Für mich eine Horrorvision. Trotzdem: Ich gehe hin zu Henry Marc, dem Zen-Meister aus Riederich.
Visionen können wahr werden - das stelle ich jetzt fest, als ich hier auf einer Wollmatte knie. Um mich herum 15 andere, die Knie an Knie einen Kreis bilden. Ein bischen sehen sie alle aus wie kleine Buddhas. Aber dies ist keine buddhistische Gemeinschaft, wie man mir versichert. Es wird hier nur abgeschaltet - auf buddhistischen Grundlagen. Um abzuschalten muss man achtsam sein, erfahre ich jetzt. Und achtsam - achtsam geschieht hier alles. Im Zeitlupentempo schenken zwei Schülerinnen uns Tee ein - und wir verneigen uns mindestens ein Dutzend Mal voreinander. Gemeinsam schweigend sitzen wir danach da und lassen den Tee die Kehlen hinunterrinnen. Wir schlucken im Gleichtakt.
Der Meister und die Schüler gehen in sich, sie sprechen Verse und ich kann nicht mitreden, weil ich die Verse nicht kenne. Dann spricht nur noch einer - der Meister. Mir fällt es schwer zuzuhören, weil es in den Kniekehlen zwackt und weil ich sehen will, was die anderen machen. Sie sitzen da - so ruhig. Da höre ich den Meister sagen: "..und nestle nicht an Deinen Kleidern und lasse Deine Augen nicht umherschweifen". Das war ich. Ich war´s. Und auch alle anderen wissen, dass ich gemeint bin, obwohl ihre Augen geschlossen sind.
"Die Erleuchtung kann auch beim Kloputzen kommen".
Den Satz spricht Henry Marc bei seinen Rezitationen gelassen aus. Bei mir schlägt es ein wie eine Bombe. Was meint er damit? Meine Gedanken werden wirr. Ich muss mich selbst tadeln, denn viel zu sehr noch hänge ich an meiner Welt und meinem Alltag.
Die Stille
Vor mir liegen noch zwei Perioden des Schweigens. Zwei mal 15 (oder gar 20?) Minuten. Nach dem zweiten Schweigen hat mir Susanne Marc gesagt, wird mich der Meister antippen. Das Zeichen dafür rauszugehen zum Interview.
Es gongt. Schweigen I beginnt. Die Frau neben mir bewegt sich nicht. Sie atmet nicht! Die anderen auch nicht! Nur ich - ich werde nervös. In der Nase kitzelt es, ich muss schlucken, andauernd schlucken. Panik. Ich zähle die klitzekleinen Löcher in den Bodenplatten. 102, 102, 103 - es gongt, 15 Minuten sind um. Henry Marc tippt mich an. Ich erschrecke. Wir haben doch erst einmal geschwiegen.
Wir sitzen jetzt im Nebenzimmer.
"Sie sind kein sehr ruhiger Mensch" - das ist keine Frage, das ist eine Feststellung, die er mir schmunzelnd auf den Kopf zusagt. Was soll ich antworten? Warum das Offensichtliche kommentieren? Jetzt schweige ich freiwillig.
Aber nicht lange.
"Wie haben Sie das mit der Kloschüssel gemeint", frage ich den Meister. Der sinniert. Das mit der Kloschüssel sagt er, sei schon ein starkes Symbol. "Beim Kloputzen reinigt man gründlich, also von Grund auf. Beim Kloputzen beseitigt man Fäkalien, die in den Kreislauf der Natur zurückgehen. Man reinigt nicht nur eine Toilettenschüssel. Man reinigt die Welt.
Die Mönche
Henry Marc hat schon viele Klos geputzt. In Japan, in einem Kloster in Kyoto, in das ihn der Hunger trieb. Damals war er vor persönlichen Problemen geflohen, hatte sich ins nächstbeste Flugzeug gesetzt - das dann in Japan landete. Dort stand Henry Marc ohne Geld, ohne Perspektive. Bis ihn das Kloster aufnahm und die buddhistischen Mönche von Kyoto ihn zum Nachdenken brachten. "Und ich war damals empfänglich für Gedanken mit einem Selbstfindungsansatz", erinnert sich Marc an die Zeit im Kloster.
Beim Ansatz sollte es dann aber nicht bleiben mit der Selbstfindung. Henry Marc wurde Zen-Schüler. Er hat im Kloster geputzt und den Garten bearbeitet, er hat auf den Straßen betteln müssen und er hat viel nachgedacht über Fragen, die ihm die Zen-Meister gestellt haben. Er hat diskutiert darüber, wie sehr sich der Mensch seiner Sozialisation entledigen muss, um dann auf das pure Ich zu treffen.
Henry Marc schaut mich an. "Ein Beispiel: Wie kommt die Evelyn durch die Rupprecht? Wie das Kamel durch das Nadelöhr? Wie findet man sich selbst?", fragt er mich. Bin ich ein Kamel? Verstehe ich Henry Marc deshalb nicht? Ich ahne etwas. Ich ahne, daß es schwer ist, sich seiner Sozialisation zu entledigen. Und ein bisschen habe ich auch Angst vor dem, was ich in mir selbst finden könnte. Aber da muss ich durch. "Was finde ich denn in mir"? frage ich. Er muss es wissen - er war zehn Jahre Schüler (auch bei einem Mönch in Deutschland) und ist nun ebenso lang selbst Meister. Der Meister bleibt mir die Antwort nicht schuldig. "Nichts werden Sie finden. Leere. Nicht die Lehre mit H. Die mit zwei E. So wie wir alle".
Die Antwort gibt mir den Rest. Was ist mit den anderen 15 - die, die draußen im Kreis sitzen, und allmontaglich zu Henry Marc kommen, um nichts zu suchen. Warum sitzen die da? Warum kommen Menschen aus nah und fern nach Riederich zu ihm?
Und wieder ahne ich etwas. Er sieht aus wie einer, der etwas gefunden hat - und das ist nicht nichts.
Und ich?
Ich gehe und weiß, daß ich jetzt mehr weiß als vor meinem Besuch bei Henry Marc.
Ich weiß nur nicht, was es ist, was ich weiß.